Seminarbericht Selbstbehauptung / -verteidigung
Am 21. und 22. November wurde zu je 4 Stunden in den Räumlichkeiten des ASC Göttingen im Waldweg ein Lehrgang zum Thema Selbstbehauptung / -verteidigung durchgeführt.
Auf 20 Teilnehmer begrenzt, wurde das Wochenende genutzt, um sich persönlich mit einer Thematik auseinanderzusetzen, die aus Büchern vielleicht zu erlesen aber ganz sicher nicht körperlich so zu erfassen ist wie in einem achtstündigen Intensiv-Lehrgang.
Holger Klaus, Polizeiausbilder an der Polizeischule in Hann.-Münden, sowie in idealer Ergänzung Heiko Dernedde, Dan-Träger, Trainer und Leiter des „Modern Arnis“ in Göttingen haben uns professionell durch den Lehrgang geführt.
Der Lehrgang begann mit einer leicht modifizierten „Alltagssituation“, um uns einen der Schwerpunkte des Lehrganges, die Fähigkeit der Wahrnehmung bzw. deren Versäumnis eindrucksvoll vor Augen zuführen. Die Situation gestaltete sich folgendermaßen: Ein Lehrgangsteilnehmer spielte den Passanten (dementsprechend das Opfer) und Trainer Holger Klaus, im entsprechendem Outfit, den „Ein-Euro Mann“ (ob der Begriff „Täter“ hierbei angebracht ist oder ob es sich bei dieser Situation vielmehr um eine gern zitierte Bibelzeile „Gebe, denn werde auch Dir gegeben.“ handelt, bleibt in der Bewertung jedem selbst überlassen). Der Unterschied zu der Standardsituation war die Tatsache, dass Holger zum Einen in einer überzeugenden Aggressivität auftrat und zum Anderen mit einer Vielzahl von Stichwaffen ausgerüstet war, die einem Sicherheitskontrolleur am Flughafen schier den Atem geraubt hätte. Nur, sowohl das Opfer, als auch wir anderen Lehrgangsteilnehmer und natürlich der Sicherheitskontrolleur (sofern nicht darauf geschult) konnten dies nicht erkennen. Der Grund lag darin, dass das Opfer zu dem Täter (ihr seht, ich habe mich entschieden) ständig Augenkontakt hielt und sich nicht für den Rest des Körpers zu interessieren schien. Die Stichwaffen waren mehr oder weniger offen mit so genannten „Clips“ an der Kleidung des Täters befestigt, so dass dieser sie ohne Probleme, hätte es die Situation, die Unwilligkeit der Geldzahlung oder ein ebenfalls aggressives Verhalten des Gegenüber es erfordert, schnell ziehen und vielleicht auch anwenden können.
Nun gut, der aggressive Täter hat sein Geld bekommen, das Opfer seines abgegeben. Das Fazit dieses kleinen Rollenspiels zog sich durch den weiteren Lehrgang wie ein roter Faden. Mit einer geschulten Wahrnehmung des Opfers hätte dieser sich nicht nur für die Augenfarbe seines Gegenübers interessiert, sondern auch dessen Körper auf ein mögliches Gefahrenpotential hin abgescannt, die Umgebung auf mögliche „Freunde“ des Täters hin untersucht, um so seine Reaktion auf diese Situation adäquat wählen zu können. Ebenso wenig sollte es zu einer Zulassung der „körperlichen Nähe“ kommen. Der aggressive „Ein-Euro-Mann“ versucht so natürlich sein Opfer einzuschüchtern, indem er seinen Körpergeruch gepaart mit dem Eintritt in die Intimsphäre seines Gegenübers diesen in Zugzwang setzen möchte. Dies bedeutet für ihn in der Regel nachzugeben, um sich so aus der misslichen Situation herauszuwinden. Das Ziel des Täters ist somit erfüllt.
Sofern es nur dieses Ziel war, ist die Welt noch in Ordnung. Als Angesprochener und so unter Druckgesetzter hat man danach nur noch ein mieses Gefühl, aber immerhin noch eine gewisse körperliche Unversehrtheit.
Es folgten, mit wechselnden Teilnehmern, noch viele weitere dieser kleinen Rollenspiele in verschiedenen Situationen á la „Nee Alter, hier kommst du nicht durch.“ bis hin zu „Na Kleine, so alleine hier.“.
Noch ein spannendes Beispiel für das Thema Wahrnehmung waren die Übungen nach folgendem Muster: Opfer verliert Uhr oder Geldbörse an einem aus der dunklen Ecke auftauchenden Täter. Das völlig überraschte Opfer gibt die Sachen heraus. Der Täter rennt zum Glück weg. Oder: Eine Person liegt auf der Straße, eine andere Person kauernd über ihm, man selbst kommt um die Ecke und sieht die Situation. Der Täter bemerkt uns und rennt weg. Soweit so gut. Die Frage nach Gegenwehr oder nicht stellt sich somit nicht mehr. Vielmehr sind jetzt die Rachegelüste angesprochen (nein, nicht Dirty Harry) und die Polizei wird gerufen. Diese kommt und teilt den Wunsch nach der Ergreifung des Täters. Noch unter dem frischen Eindruck des Geschehenen stehend, beantwortet man die nachvollziehbare Frage des bemühten Polizisten nach einer Täterbeschreibung ja meist wie folgt: „Also, ja, hm, genau, es war ein Mensch!“. Toll, denkt sich der eben noch bemühte Polizist, zumindest kann ich Tiere und Aliens als Täter ausschließen. Mein Aufklärungspotential hat sich gleich um 0,5 Prozent erhöht. Natürlich ist dies übertrieben dargestellt, aber mehr als ein gestammeltes „Ich glaube er hatte eine Kapuzenjacke an…“ kommt dabei in den meisten Fällen sicherlich nicht raus. Zum Glück läuft in dieser Nacht nur eine Person mit einer Kapuzenjacke durch die Straßen, da die anderen gerade Halloween feiern und somit leicht zu differenzieren sind. Nein, so oft wir diese Art Situationen durchspielten, das Ergebnis wurde nur schrittweise besser.
Genug der spitzen Worte. Fazit dieser Übungen ist auf jedem Fall, ( ich glaube das hat jetzt jeder schon erkannt ) seine Wahrnehmung / Wachsamkeit niemals ausgeschaltet zu lassen, sondern sie vielmehr täglich neu zu üben und zu schärfen. (Dunkle Ecken tauchen nicht unbedingt spontan auf bzw. der Fußweg ist meistens breit genug, um mehr in der Nähe der Straße als in der dunklen Ecke zu laufen und die zwei Typen, die in der Nähe deines im Dunklen geparkten Autos rumlungern, sind auch nicht nur da, um Dich bei einem spontanen Reifenwechsel zu unterstützen oder Deine Einkäufe mit zu verladen.)
Zum dazu passenden Thema Reaktionsfähigkeit (der Uhrenfreund winkt Dir ja nicht schon von Weitem zu, sondern springt Dich mehr oder weniger an ) haben wir eine nette kleine Übung zu den begrenzten Möglichkeiten einer Reaktion auf eine Aktion durchgeführt. Die, lieber Leser, solltest Du allerdings bei der Teilnahme an einem der nächsten Kurse selbst erfahren.
Der zweite Schwerpunkt des Lehrganges lag in der körperlichen Darbietung der von mir bisher mehrfach beschriebenen „…seine Reaktion auf diese Situation adäquat wählen zu können…“ - Aussage. Heiko und Holger zeigten uns Techniken für den Fall, dass die körperliche Auseinandersetzung fremd- oder selbstbestimmt nicht zu vermeiden bzw. gewollt ist. Mit einem zögerlichen „Ich strecke mal den Arm aus“ wurde bisher sicherlich noch kein Kampf gewonnen. Dementsprechend wurden die Techniken intensiv und schweißtreibend am Partner (natürlich mit Schlagpolster) geübt. Zwei Minuten aktiv auf einem Gegner einzuschlagen, um diesen zur Aufgabe zu zwingen bzw. den Rückzug antreten zu lassen, da das vermeintlich einfache Opfer sich als Berserker entpuppt, sollte ein Jeder Mal geübt haben. Auch die Situation, es mit drei Gegnern gleichzeitig zu tun zu haben, erfordert nun mal das Durchspielen dieser.
Nur, ob wir alle die geborenen „den Euro gebe ich nicht her“-Typen sind, sollte der Einzelne für sich entscheiden. Denn, auch wenn man sich als kampfeswillig betitelt, die Garantie, einen Kampf ohne eigene Blessuren zu überstehen, hat man nicht. Deshalb ist es auf jeden Fall für uns „normale“ Menschen geschickter, durch geschulte Wahrnehmung gar nicht erst in derartige Situationen zu kommen und wenn doch, sich zu wehren wissen.
Zum Schluss möchte ich Heiko und Holger für den wirklich gelungenen Lehrgang danken und hoffe, dass mein kleiner Bericht Euch animiert, auch einmal an einer derartigen Veranstaltung aktiv teilzunehmen.
Peter Spreitz



